FickDeinenJob.exe
Stundenlohn? Was soll das sein?
Wo fängt man an, wenn der letzte Artikel fast fünf Monate her ist? Wo macht man weiter, wenn es nicht mehr als ein emotionaler Ausbruch war? Erzählt man den Menschen was man die letzten Monate gemacht hat? Wieso man keinen Bock mehr auf das Schreiben hat?
Irgendwas in mir sagt ich bin dir eine Erklärung schuldig, aber wenn ich ehrlich bin hab ich da keinen Bock drauf. Es geht ja nur darum mal wieder ein paar Buchstaben auf diese leere Seite zu tippen. Ohne Filter. Ohne Rück- oder Vorsicht. Ohne Blablabla. Ist wohl der Grund wieso ich meine Eltern (und ein paar mehr) aus meiner Subscriber-Liste gelöscht hab. Glaube Menschen die mich kennen und lesen beeinflussen mich, selbst wenn ich es nicht bemerke.
“Zu vulgär,” meinte mein Dad vor ein paar Monaten, als er mit einem Freund über meinen Substack-Account sprach. Witzig, dass er sich genau darüber beschwert…Wenn er mit Freunden spricht ist jeder zweite Satz ein Fluch oder eine Beleidigung.
Vor einer Weile meinte irgendein Vollspasst ich soll nicht so Depri-Shit schreiben, sondern vielleicht mal meine Gedanke zu Rosenstock-Huessy teilen. Well Bitch, wäre Huessy heute hier wäre er depressiver als die uralte Morla. Aber am Ende würde er sich wohl trotzdem zusammenreißen und schreiben, auch wenn er kein Bock hat.
So let´s do that.

Ich sitz bei 24 Grad im kühlen Keller unseres eines Mietshauses, für das der Vermieter – schon im Januar – Eigenbedarf angemeldet hat. Ab morgen bin ich zudem offiziell “Arbeitslos” und ich hab keine Ahnung ob ich direkt Arbeitslosengeld oder erstmal eine Sperrfrist bekomme.
Either way, eines ist klar: Ich hab mich zu sehr auf die Sicherheit meines Gehalts verlassen und bekomme jetzt endlich die Abrechnung. Von Monat zu Monat, abhängig davon, dass das Gehalt pünktlich auf dem Konto erscheint?
Bei meiner Kündigung meinte mein Chef sie hätten mich wertgeschätzt – durch mein Gehalt.
Was für ein “Leben”… Ich war tot in dem Moment, wo ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. Jetzt wo ich wieder “frei” bin, merk ich erst wie mich der Komfort meines Jobs gefickt hat. Es war so leicht sich anzulügen und von irgendwelchen Irrwitzigen Ideen zu überzeugen. Hab mich sogar überredet, meinen Job zu mögen – nicht zu hassen, sondern dank der Kollegen sogar Freude daran zu finden.
Bullshit auf höchsten Niveau: ein bisschen Spaß ist noch lange keine wirkliche Freude – nur ein Pflaster für die Seele um die Wunde nicht zu merken.
Also Marco: Fick deinen Job… Kein Mensch sollte in einem “Job” arbeiten müssen und seine Zeit gegen Geld tauschen müssen. Und du erst recht nicht. Das Unwort “Stundenlohn” sagt doch schon alles. Als ob es irgendwie möglich wäre seine Lebenszeit zu verkaufen.
Und trotzdem leben die meisten von uns in genau diesem Film.
Nicht genug für Alle da
Seit ich klein bin wurde mir gesagt ich muss mir irgendwann mal meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich ging in die Schule um zu lernen, um dann später mal einen Job zu haben in dem ich genug Geld verdienen kann. Genug Geld für was? Zu überleben?
Als ob das Leben etwas wäre das du dir erst verdienen musst. Erst lernen, dann arbeiten, dann irgendwann – vielleicht – leben.
Zeit für einen kleinen Ausflug in unsere Vergangenheit, denn diese Wirklichkeit hat längst ausgedient.
Es war 1798, als der Engländer, Thomas Robert Malthus, ein kleines Essay1 zum Thema Populationswachstum veröffentlichte. Seine These: Die Weltbevölkerung wächst exponentiell (1, 2, 4, 8, 16, 32, …), die landwirtschaftliche Produktion jedoch arithmetisch (1, 2, 3, 4, 5, 6, …) — das wird es irgendwann unmöglich machen, für die Gesamtbevölkerung unseres Planeten genug Nahrung zu produzieren.
Natürlich ist diese These längst widerlegt, doch damals benutzte Politik und Wirtschaft sie sehr gerne als Begründung, den Armen nicht zu helfen – denn wenn Armut ein Naturgesetz ist, erübrigt sich jede staatliche Hilfe.
Über 60 Jahre später, 1859, veröffentlichte Charles Darwin – mitunter inspiriert von Malthus – seine heute weltbekannte Theorie2 zur natürlichen Selektion, basierend auf jahrzehntelangen Beobachtungen und Daten. Den Kern seiner These hast du bestimmt auch schonmal gehört: Survival of the Fittest – nur die am besten Angepassten überleben.
Was er als biologisches Prinzip meinte, wurde schnell auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Mit der malthusianischen Logik der Knappheit entstand so ein scheinbar wissenschaftliches Weltbild: Ressourcen sind begrenzt, also müssen wir zwangsläufig gegeneinander kämpfen.
Du oder Ich, wenn nicht genug für uns beide da ist? Können wir beide gewinnen oder nur einer?
Noch heute ist diese Art von Denken in unserem Handeln verankert. Wenn wir arbeiten, tun wir das fast alle für Geld. Arbeiten wir für Geld, arbeiten wir für unser Überleben. Selbst wenn ich morgen mein Arbeitslosengeld bekomme, ändert sich nichts. Ich bekomme das Geld, für das ich ansonsten arbeiten müsste, nur scheinbar geschenkt. Ich bleibe ein Rädchen im System, für das System – statt an einem neuen zu arbeiten.
Buckminster Fuller – Architekt, Erfinder, Visionär und vor allem einer meiner Lieblings-Denker des letzten Jahrhunderts – setzte genau hier an. Er stellte nicht nur die Frage „Du oder Ich”, er beantwortete sie auch eindeutig: Wir beide. Nicht weil er ein naiver Spinner war, sondern weil er es durchgerechnet hatte. In nur zehn bis zwanzig Jahren könnten wir unseren Planeten so gestalten, dass wir in der Lage wären, jeden Menschen angemessen zu versorgen – mit Nahrung, Energie und Wohnraum. Das ganze schrieb er Mitte des 20. Jahrhunderts…
Wir hatten noch nie ein wirkliches Problem mit Knappheit. Das Problem sind unsere Systeme, die noch immer so gebaut sind, als wäre es 1798.
Wir leben nicht in Knappheit, sondern in einem veralteten Betriebssystem.
Ein plaCZebo für die Menschheit mich Selbst
Da sitz ich also nun. Immer noch im Keller – lokal, mental und emotional. Wie soll ich das schaffen, mich nicht wieder in einen Job zu verirren? Nicht dass ich keinen Plan hätte, den hab ich schon lange. Die Frage ist eigentlich: wo soll ich die Kraft dazu hernehmen?
Das letzte Mal, als ich diese Kraft fühlte, alles zu verändern, war ich umgeben von Familie, Freunden, und einer Freundin, für die ich gestorben wäre. Geblieben ist ein Freund mit dem ich mir die Bude teile. Eine Bude aus der wir beide raus müssen. Die Frage ist wohin. Wieder was mieten? Reisen? In ein paar Monaten so viel Geld machen um uns ein Haus zu kaufen? Dann Reisen? Den Freundeskreis vergrößern?
Anyway, ich drifte ab. Wird sich alles ergeben. Seit einer gefühlten Ewigkeit fühl ich wieder dieses Potential und Vorfreude auf das, was kommt. Whatever that is. Hell, ich hab gerade sogar Bock zu Schreiben und an meinen Projekten zu arbeiten.
Also danke dir fürs Lesen!
Mein PlaCZebo
https://oll.libertyfund.org/titles/malthus-an-essay-on-the-principle-of-population-1798-1st-ed
https://www.vliz.be/docs/Zeecijfers/Origin_of_Species.pdf


Erstmal:
Job weg, Wohnung weg, das ist heftig, und dass du trotzdem schreibst sagt einiges.
Ich will auch nicht übergriffig sein, aber ich lese da auch noch was anderes raus. Kommst du klar?
Inhaltlich fand ich den Fuller Block gut, wegen der Frage die dahintersteckt und die du kurz angetippt hast: Wie hält sich Knappheit als Ideologie, wenn sie material längst widerlegt ist? Ich glaube die Antwort liegt genau in dem, was du über deinen Job schreibst.
Es braucht keinen äußeren Zwang mehr. Der Komfort erledigt das. Das schlechte Gewissen, wenn man "einfach nur" ruht.
Der Reflex, Zeit gegen Geld zu tauschen, als wäre das der Naturzustand.
Knappheit funktioniert heute weniger als Realität und mehr als internalisiertes Verhalten. Das ist vielleicht präziser als "veraltetes Betriebssystem", auch wenn das Bild ein sehr gutes Bild ist.
Bin neugierig was als nächstes kommt, ich mag dieses rohe schreiben.
Na , Dein Text hat ja eine sehr persönliche Ebene und eine allgemein gültige oder auf andere übertragbare Ebene.