Verdummiversitiert.err
Bitte nicht noch ein Fachidiot!
Wir schreiben das Jahr 2026 und unser Planet steht auf dem Kopf. Na ja, zumindest die Menschen auf ihm, in ihren Welten, in ihren Köpfen – um ganz genau zu sein. Scheint ja jeder seine eigene zu haben – die irrwitzigsten Ideen, sag ich dir. Ich meine wir haben uns ja noch nicht mal darauf geeinigt, dass wir auf einem Planeten leben …
Manchmal frag ich mich, ob Gott uns zuschaut.
Weiß er, was kommen wird? Oder ist das Ganze wie ein kleines Spiel für ihn?
Pack ein paar Affen auf die Erde und sieh dabei zu, wie sie sich gegenseitig auslöschen – oder am Ende doch noch zusammenfinden und ihr Universum bereisen.
Schon ein paar mal hatte ich dieses Gefühl, dass es genau so ist, nur um dann im nächsten Augenblick genau daran zu verzweifeln und es dann wieder zu vergessen.
Wissen kann man es wohl nie, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.
Also befassen wir uns mit den Dingen, die man wirklich wissen kann, z. B. damit, dass sich über die letzten Jahre fast unsere gesamte Wirklichkeit in ein riesiges Klassenzimmer verwandelt hat. An jeder Ecke will mir irgendjemand ein neues Bildungspaket oder einen Kurs verkaufen. Am besten mit Zertifizierung am Ende.
Und ohne?
Brauchst die Bewerbung gar nicht abzuschicken.
Vielleicht lieber erst noch einen dieser “How to…”-Artikel lesen? Wie es dazu kam?
Frag Illich, immerhin hat er das Ganze vorhergesagt.1
…
Wir schreiben das Jahr 2026. Wir haben uns eine Wirklichkeit gesprochen, die uns bricht, wenn wir “klein” sind, im Wachsen in Form presst, dass wir uns gegenseitig benutzen, wenn wir “groß” sind.
Zuerst steckte man mich in einen sogenannten Kindergarten – als ob ich eine Blume bin, die man gießen und düngen muss. Damit ich erblühe, oder wie? Als ob ich nicht schon von Geburt an strahle. Und ein “Kind” noch dazu? Was soll das sein? Der Name für einen Bürger zweiter Klasse? Von der Schulpflicht – als ob sie etwas positives wäre – zu eingeschränkter Geschäftsfähigkeit. Nie hat mich einer für voll genommen.
Und das verrückteste: Das, was wir heute “Kindheit” nennen, ist eine Erfindung, die es noch gar nicht mal so lange gibt. Philippe Ariès hat sich mal die Mühe gemacht das ganze auszuführen.2 Vorher war man – sobald man laufen und sprechen konnte – einfach als kleiner Erwachsener, mit dabei bei den Großen.
Dann steckte man mich in die Schule, einfach so, und Mama sagte, ich brauche – am besten – ein Abitur. Kein Stress, wenn nicht, aber ohne Studium kommst du in dieser Welt nicht sehr weit und wie jede Mutter wollte sie, dass ich im Leben und der Liebe Erfolg habe.
Dass ich nach meinem ersten Schultag nie wieder in die Schule wollte, war ihr egal. Immerhin herrscht hier Schulpflicht – für meine Mutter so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Nicht dass das was an ihrer Schädlichkeit ändert.3
Irgendwann begriff ich dann, dass keine Schulpflicht, kein Lehrer und auch sonst niemand entscheiden kann, ob ich in die Schule gehe oder nicht. Nur ich und dieses Universum, das zu mir spricht. Oder bilde ich mir das gerade ein?
Nachdem ich dann fast meinen gesamten zweiten Durchlauf der 8. Klasse schwänzte, wurde ich – da ich meine zweite Chance abgelehnt hatte – vom Gymi verwiesen.
Was diese acht Jahre Schule mit mir gemacht haben?
Zu viel, um es hier aufzuzählen, aber sagen wir mal so: Ich bin immer noch dabei meinen Geist von all dem Bullshit zu befreien, den man mir dort eingetrichtert hat.
Wenn ich mit “Vollverschulten” spreche – Menschen, die den ganzen Weg durch unser Verbildungssystem gegangen sind, aber noch nicht wieder zurück – bin ich immer wieder fasziniert, was sie alles glauben.
Vom Aberglauben an Atome – als wären sie mehr als ein Denkmodell, über Vitamin- und Virenwahn zur Idee von Zeit als vierte Dimension. Nach zwölf Jahren Schule und Abitur haben wir den perfekten Insassen für das nächste Gefängnis – Universitäten. Gehirn voll mit Annahmen und Hypothesen, die er für die Wahrheit hält und bereit für mehr.
Diesmal sogar freiwillig, sofern man hier überhaupt noch von freiem Willen sprechen kann.
Fachidioten. Experten. Spezialisten. Oder Schubladero – mein persönlicher, gerade erfundener Favorit.
Begriffe, von denen du die meisten bestimmt schon mal gehört hast. Gemeint sind Menschen, die sich so sehr auf ein Fachgebiet oder Thema spezialisiert haben, dass sie den Überblick über das große Ganze, die Zusammenhänge und Beziehungen unserer Wirklichkeit verloren haben.
Der einfachste Weg einer zu werden sind unsere verwesenden Universitäten. Nicht das ich mich jemals in einen Hörsaal verirrt hätte, aber vielleicht sehe ich es gerade deshalb.
Schon 1956 schrieb, der zum Soziologen verdammte, Eugen Rosenstock-Huessy, Max Weber (*1864 †1920) sei für ihn „die Verkörperung des Untergangs der deutschen Universität” gewesen.4 Heute ist sie längst tot. Und obwohl die Leiche für alle sichtbar da liegt, läuft die verschulte Masse, wie vom Schäferhund getrieben, in die Uni.
Es ist mir egal, welche Story du dir erzählst – wieso genau dieses oder jenes Studium das richtige für dich ist. Du lügst dich an. Es ist ein Fehler auch nur einen Zeh in eine Universität zu setzen. Vielleicht musst du ihn machen, aber ich wollte es zumindest mal gesagt haben.
Meiner Ex ging ich damit so oft auf die Eierstöcke, dass sie mich mit jedem Gespräch mehr zu hassen gelernt hat. Nicht dass sie sich das eingesteht. Der Punkt ist: Sie konnte weder verfühlen noch verstehen, dass sie zu intelligent für die Uni ist – und dass sie alles, was diese lehrt, und noch viel, viel mehr durch uns lernen kann.
Sie studiert jetzt Psychologie in Heidelberg. Ich bin nur noch der toxische Ex – oder was man sich heute so erzählt um jemanden das Gespräch zu verwehren.
Also lass und doch mal einen unverblümter Blick auf den modernen Studenten werfen. Sofort erkennt man die Hybris, diese selbstverliebte Mischung aus Arroganz und Vertrauen in Autoritäten.
Man gehe nur einmal als Autodidakt zu einem Medizinstudenten und zeige ihm ein anderes Modell, eine andere Erklärung für das, was die Universität ihm beigebracht hat.
Nach zehn Sätzen hört er auf zuzuhören.
Nach zwanzig hält er dich für einen Spinner.
Nach dreißig hat er eine Geschichte wieso du so denkst.
In Wahrheit ist sein Geist krank verschult, gebrochen und verdummiversitiert. Sein Vertrauen in die Wirklichkeit hat sich verwandelt in falsches Selbstvertrauen. Jetzt glaubt er so sehr daran, dass die Universität und seine Bücher – von der Uni approved – ihm die Wahrheit erzählen, dass er für eine wirklichere Wahrheit blind ist. Er wurde also erfolgreich verdummiversitiert.
// Die Wurzel allen Übels“Alle Wahrheit ist symphonisch. Jeder Satz, den der sprechende Mensch wahrheitsgemäß setzt, zweigt aus der gemeinschaftlichen Mitte ab. Aus dieser Mitte wird ein jeder zu seiner Seite gezwungen, um ‘den‘ Menschen im großen und ganzen zu verkörpern.”
- Eugen Rosenstock-Huessy5
Erst durch das wirkliche Gespräch werden wir wirklich, leider haben wir das längst verdrängt. Wo wird heute noch wirklich miteinander gesprochen? In den Universitäten? Übrig sind dort nur noch Ideologien, ein missbrauchter Name und die Räumlichkeiten, die ihn längst nicht mehr verdient haben.
Der gute Bürger blendet das natürlich aus.
Wo kämen wir denn hin ohne Universitäten? Ohne Papiere, die uns attestieren, wer wir sind? Und was sollte man auch sonst machen? Etwa eine Ausbildung? Ich will doch mal Geld verdienen! Und was ist mit Karriere? Wer nimmt mich denn als Schreiner ernst?
Aber genau darüber müssen wir sprechen, denn Sprache ist “kein Werkzeug des Menschen selbst [ist], sondern der Weg, auf dem er sich wandelt”.6 Wir müssen also miteinander sprechen, wenn wir es nicht tun, bleiben wir stehen. Schon viel zu viel haben aufgehört miteinander zu sprechen, aber wir müssen es, um weiterzugehen.
Siehst du ihn? Diesen Weg, der schon deine Ewigkeit auf dich wartet?
Aber bevor du antwortest, hier noch ein kleiner Exkurs, damit wir uns auch verstehen.
Exkurs: Der Un-Selbstständige Mensch
„Kein ‘Selbst‘ ist mündig; denn nur auf sich selbst zu hören ist vor-menschlich.“
Eugen Rosenstock-Huessy7
Wir fragen uns wer wir sind, was wir wollen, aber viel zu selten wofür wir eigentlich wirklich Hier und Jetzt da sind. Irgendwann meinen wir dann es gefunden zu haben, unser “Selbst” und beginnen uns dann “selbstständig” zu entscheiden. Für viele ist das sogar ihr Endziel, die komplette “Selbstständigkeit”.
Fast unsere ganze Gesellschaft baut darauf auf – the American Dream. Früh wird uns beigebracht uns “selbst” zu entscheiden. Welche Schule, welche Ausbildung oder Studiengang, welcher Job.
Witzig, dass genau das die eigentliche Scheidung ist – von den anderen.
Huessy nannte unsere geliebte Selbstständigkeit “Vertrotzung” und “Bewusstseinsverengung”.8 Passend wie ich finde, immerhin war unsere – deine und meine – erste Erfahrung die Un-Selbstständigkeit. Wir wurden getragen und gefüttert, den meisten sogar die Windel gewechselt und immer wieder – als “Du” mit einem Namen – angesprochen, bis wir uns schlussendlich im “Ich” wiederfanden.
Selbstständigkeit ist also eine sekundäre Haltung und nicht die erste, wie wir es uns allzu oft wünschen.
Aber wer hatte schon eine Kindheit so perfekt, dass er nicht lernte, sich vor seiner eigenen Un-Selbstständigkeit zu fürchten?
Wahrscheinlich keiner, dafür haben wir gesorgt – aber das ist auch nicht die wirkliche Frage. Die lautet: Sind wir bereit zu sprechen, auch mit den Menschen, mit denen wir nicht sprechen wollen? Denn genau da beginnt der Weg, von dem Rosenstock-Huessy schreibt.
Sprechen oder schweigend stehen
Was also ist dieser Weg?
Wenn ich ehrlich bin, kann ich dir das gar nicht sagen. Es ist ja kein Weg, den ich oder sonst wer bereits gegangen ist. Es ist dein wirklicher Weg. Und dein wirklicher Weg, ist nicht mein wirklicher Weg.
In der unendlichen Geschichte von Michael Ende findet sich Bastian irgendwann in Fantasien wieder. Auf Aurin – dem ihm anvertrauten Amulett der kindlichen Kaiserin – liest er: “Tu was du willst.” Er erzählt es Graograman – einem Wesen, geboren aus seinem Wunsch nach Kühnheit und Mut – und sinniert vor sich hin “[…] das bedeutet doch, dass ich alles tun darf, wozu ich Lust habe, meinst du nicht?” Dieser antwortet, fast erzürnt: “Nein, es heißt, dass du deinen wahren Willen tun sollst. Und nichts ist schwerer.”9
Die meisten Menschen studieren aus bester Absicht – ihrem Wunsch zu helfen, etwas beizutragen. Ich hab noch keinen Medizin- oder Psychologie-Studenten getroffen, der den Menschen nicht helfen will. Keine Lehrerin, die nicht das Beste für die Kinder will. Keinen Ingenieur, der studiert, um später Waffen zu bauen, damit es mehr Kriege gibt. Vielleicht redet sich das der ein oder andere ein, aber das hat dann nichts mit seinem wahren Willen zu tun.
Als Student – einer Uni – gehst du immer einen bereits geebneten Weg. Du wirst dafür belohnt, Bildungspakete zu konsumieren. Je mehr desto besser, desto höher dein Wert in unserer Verbildungs-Klassengesellschaft und desto weniger bist du bereit genau diese Bildung in Frage zu stellen. Schließlich lebst du ja davon, dass das System dich als Arzt, Anwalt oder was-auch-immer legitimiert.
Zurück zum wirklichen Weg.
Was wenn du gar nicht für die heutige Zeit geboren bist? Was wenn wir alle für einen Planeten und eine Gesellschaft geboren sind, die gerade erst entsteht? Würde zumindest erklären, wieso ich mich wie ein Alien fühle.
Wenn ich so drüber nachdenke ist doch eigentlich ganz einfach. Der Biologe Edward O. Wilson sagte mal sinngemäß, dass unsere eigentliche Herausforderung darin bestehe, dass wir mit steinzeitlichen Emotionen, mittelalterlichen Institutionen und gottgleicher Technologie ausgestattet seien.10 Wir können aber lernen, anders zu leben, neue Formen des Miteinanders schaffen und unsere emotionale Intelligenz auf das Niveau unserer Technologien heben. Fuck, wir könnten sogar komplett neue Institutionen schaffen – welche die wirklich dem Menschen dienen, nicht irgendwelchen Konzernen.
Aber vielleicht fangen wir klein an und befreien unsere Kinder erstmal von der Schulpflicht? Immerhin steht das seit Illichs Entschulung der Gesellschaft im Raum. Dort schrieb er:
“Nur eine Generation, die ohne Schulpflicht aufwächst, wird imstande sein, die Universität neu zu erschaffen.” - Ivan Illich11
Ich hab nichts gegen Universitäten. Wir brauchen sie in irgendeiner Form, aber welche die diesen Namen auch verdient haben. Räume in denen wirkliche Gespräche neue Zeiten erschaffen können. Wo wirkliches Wissen, als Symphonie gesungen, unsere altes falsches Wissen ablösen kann. Räume wo Forschung wieder vor der Wissenschaft steht – nicht im Kampf sondern als Tanz.
Wir brauchen Menschen die etwas dafür tun dass wir unsere Irrwege und kollektiven Fesseln als solche erkennen und auflösen. Denn, erst wenn wir etwas ganz kennen, ist es tot.
Ist es nicht schön dass wir uns als Menschen – gegenseitig – nie ganz kennen? Ich glaube es ist genau das was uns lebendig macht. Neulich postete sogar mein Lieblings-Substack-Lockenkopf eine ziemlich passende Note genau dazu:
Und falls das nicht in dein Weltbild passt – gut. Immerhin leben wir auf einem Planeten. Weltbilder sind so von vorgestern.
Heute weiß ich, dass ich niemanden vor etwas beschützen kann, was er nicht mal als Gefahr wahrnehmen kann. Aber vielleicht kann ich ihn warnen. Deshalb hier ein Versuch zu erklären wieso ich es tu. Und vielleicht erreichen diese Worte ja genau den richtigen.
“Denn dazu ist das Sprechen in die Welt gekommen, dass deine Vorstellung von mir und meine von dir uns an unsere rechten Plätze im Weltall stellen.”
– Eugen Rosenstock-Huessy12
Also, wie immer, vielen Dank fürs lesen!
Mein plaCZebo
Ivan Illich: Deschooling Society (dt. “Entschulung der Gesellschaft”), 1971.
Philippe Ariès: L’Enfant et la vie familiale sous l’Ancien Régime (dt. “Geschichte der Kindheit”), 1960.
Illich, wie Anm. 1.
Eugen Rosenstock-Huessy: Im Kreuz der Wirklichkeit – Eine nach-goethische Soziologie Band 1: Die Übermacht der Räume. Hrsg. v. Richard Scherer. Talheimer Verlag, Köthen, 2008/2009
Ebd.
Ebd.
Eugen Rosenstock-Huessy: Im Kreuz der Wirklichkeit – Eine nach-goethische Soziologie Band 2: Die Vollzahl der Zeiten I. Hrsg. v. Richard Scherer. Talheimer Verlag, Köthen, 2008/2009
Rosenstock-Huessy, wie Anm. 4.
Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 1979.
“The real problem of humanity is the following: We have Paleolithic emotions, medieval institutions and godlike technology. And it is terrifically dangerous, and it is now approaching a point of crisis overall.” – Edward O. Wilson, Debatte am Harvard Museum of Natural History, Cambridge, Mass., 9. September 2009.
„Only a generation which grows up without obligatory schools will be able to recreate the university.” – Ivan Illich: Deschooling Society, Harper & Row, New York, 1971. Deutsche Übersetzung: Helmut Lindemann und Thomas Lindquist.
Rosenstock-Huessy, wie Anm. 4.



Geht doch.